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Verantwortungsbewusst investieren: Immer mehr spricht dafür

 
Dezember 2017

Von Sébastien Eisinger, Head of Investments

Nachhaltiges Investieren ist nicht nur sinnvoll, um die Welt für die künftigen Generationen zu erhalten, sondern kann auch eine Möglichkeit sein, höhere Portfoliorenditen zu erzielen

Was macht eine solide Investment- oder Geschäftsentscheidung aus? Noch vor zehn Jahren wäre diese Frage rein nach finanziellen Gesichtspunkten beantwortet worden. Diese Zeiten sind vorbei. Aufgrund struktureller Trends wie Klimawandel und größeres Einkommensgefälle messen immer mehr Unternehmen ESG-Überlegungen (Umwelt, soziale Verantwortung, gute Unternehmensführung) denselben Stellenwert bei wie wirtschaftlichen Aspekten. Das ergibt ökonomisch Sinn, und zwar aus mehreren Gründen. 

Erstens: Regierungen auf der ganzen Welt ergreifen beschleunigte Maßnahmen, um das im Pariser Klimaschutzabkommen festgelegte Ziel, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad zu begrenzen, zu erreichen; Umweltvorschriften dürften zu einem größeren Risiko für den Umsatz werden. Zweitens: die Auswirkungen des stetigen Rückgangs der Kosten für erneuerbare Energie und Energiespeicherung können einen transformativen Effekt haben, insbesondere bei Unternehmen, die in energieintensiven Branchen wie Energie, Versorgung und Transport tätig sind. 

Der Aufstieg von ESG-Investments

Größeres Wertpotenzial bei nachhaltigen Anlagen

Die Investmentbranche interessiert sich zunehmend für ökologische Belange
Quelle: Global Sustainable Investment Review 2016

Der dritte Anreiz für Unternehmen, ESG in ihre Prozesse zu integrieren, ist die Macht der Verbraucher. Seit einigen Jahren achten die Verbraucher verstärkt darauf, welche Auswirkungen Unternehmen auf die Gesellschaft und die Umwelt haben. Infolgedessen hängen Markenwahrnehmung und Kundentreue – also die immateriellen Werte, die einen nicht unerheblichen Teil des Marktwerts eines Unternehmens ausmachen – zunehmend von den ESG-Bemühungen ab. Das betrifft sowohl die langfristige Entwicklung des Unternehmens als auch sein Alltagsgeschäft.

ESG zu ignorieren, kann zu irreparablem Reputations- und finanziellem Schaden führen. Die Aktienkurse von BP zum Beispiel brachen nach der Ölkatastrophe infolge der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon 2010 ein. Die Verkaufszahlen von Volkswagen gingen nach dem Skandal um gefälschte Abgaswerte stark zurück. Und die Dachorganisation Transport for London, die das Verkehrssystem in London koordiniert, lehnte es vor kurzem ab, die Lizenz von Uber zu verlängern, mit dem Argument, dass dem „Ansatz und Verhalten keine ausreichende unternehmerische Verantwortung zugrunde liegt“.1

Gesündere Finanzen und bessere Renditen?

Unsere Analyse wissenschaftlicher Studien zum Thema ESG hat ergeben, dass Unternehmen, die nach Nachhaltigkeitsgrundsätzen geführt werden, in der Regel eine bessere und stabilere Finanzkraft aufweisen.

Das sollte auch die Anleger interessieren, insbesondere weil das Potenzial höherer risikoangepasster Renditen bei Aktien und Anleihen von Unternehmen, die in Sachen Nachhaltigkeit führend sind, im Allgemeinen größer ist.

Gutes Ressourcenmanagement zum Beispiel – vom Abfallmanagement bis hin zum Energieverbrauch – verkleinert nicht nur den ökologischen Fußabdruck des Unternehmens, sondern senkt auch dessen Produktionskosten. US-Unternehmen, die beim klimabezogenen Change Management in ihrer Branche sehr gut bewertet sind, erwirtschafteten höhere Aktienerträge, verringerten Gewinnschwankungen und wiesen ein stärkeres Dividendenwachstum auf als vergleichbare Unternehmen mit schlechter Bewertung.2

Eine gute ESG-Leistung wirkt sich auch positiv auf den Umsatz aus. Unternehmen mit hohen Bewertungen bei der Mitarbeiterzufriedenheit schneiden besser ab als der Branchenmaßstab.3

Im Allgemeinen profitieren Unternehmen, die sich auf Nachhaltigkeit konzentrieren, im Vergleich zu ihren Peers von niedrigeren Kapitalkosten und höheren Ratings.4 Bei denjenigen, die ökologische Risiken nicht effizient steuern, sind die Fremdkapitalkosten im Durchschnitt 20% höher.5 Außerdem sind auch die Eigenkapitalkosten in der Regel höher.6

Eine Metaanalyse von mehr als 2.000 Primärstudien über das Verhalten von Unternehmen kam zu dem Schluss, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen der Finanzkraft eines Unternehmens und den Nachhaltigkeitsbemühungen gibt.7 Belegt wird dies durch zwei weitere große Forschungsbeiträge, die unabhängig voneinander zeigen, dass ESG-fokussierte Unternehmen im Hinblick auf Aktienkurse und Finanzergebnis in der Regel besser abschneiden als ihre Peers.8

Welche praktische Bedeutung hat dies für Anleger? Einer Studie zufolge hatte jeder 1 USD, der 1993 in besonders nachhaltige US-Unternehmen investiert wurde, 2010 einen Wert von 22,6 USD, gegenüber 15,4 USD bei Unternehmen mit geringer ESG-Leistung.Insgesamt legt unsere Analyse der verfügbaren Studien nahe, dass Investitionen in Unternehmen, die im Bereich ESG führend sind, keine Performance-Einbußen mit sich bringen, sondern im Gegenteil das Potenzial für höhere Renditen haben.

Zudem ist belegt, dass der Aktienkurs eines Unternehmens umso stabiler ist, je besser sein ESG-Rating ist, vor allem in turbulenten Zeiten. Das wiederum bedeutet, dass nachhaltige Unternehmen den Anlegern erhebliche Diversifizierungsvorteile bieten können.

Neue Horizonte

Es verwundert daher nicht, dass die Investment-Community einen neuen Ansatz für ESG finden muss. In der Vergangenheit konzentrierten sich ESG-orientierte Portfolios darauf, bestimmte Arten von Unternehmen auszuschließen. Aber jetzt ist die Rolle des Anlegers breiter definiert. Die Förderung nachhaltiger Geschäftspraktiken durch aktive Mitwirkung und Mitverantwortung sowie die  Beurteilung der Auswirkungen von ESG-Faktoren auf die Bewertung, den Ertrag und die Bonität von Unternehmen werden beim Investieren immer wichtiger. 

Das soll aber nicht heißen, dass sich die Anleger ausschließlich auf Unternehmen konzentrieren sollen, die bei ESG führend sind. Sofern moralisch vertretbar und rechtlich zulässig, spricht nichts dagegen, auch in angemessen bewertete Nachzügler in puncto Nachhaltigkeit zu investieren, solange ihr zukünftiges Potenzial die Risiken überwiegt.

ESG mischt nicht nur bestehende Branchen auf, sondern eröffnet auch neue Geschäfts- und Anlagechancen. Beispielsweise gehen wir davon aus, dass die Industrie umweltverträglicher Produkte bis 2020 um 6-7 Prozent pro Jahr wachsen wird – mehr als doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft insgesamt.

ESG-Analysen können daher ein Weg sein, Unternehmen mit sehr guten Wachstumsaussichten, effizientem Kostenmanagement und den richtigen Attributen, mit denen sich die Markenloyalität der zunehmend anspruchsvolleren Verbraucher sichern lässt, ausfindig zu machen. Umgekehrt können Unternehmen durch Nachhaltigkeitsmaßnahmen verhindern, dass sie wirtschaftliche Trends verpassen, die Präferenzen der Verbraucher ignorieren und gegen behördliche Vorschriften verstoßen.